Latein-Studie kommt an unser Gymnasium

01. Apr. 2025 Kategorie: Latein-Unterricht, Leben, Projekte, Veranstaltungen,

Schon Cicero beschwerte sich über den Umgang der Jugend mit der lateinischen Sprache: „Stulti pueri decens loqui debent.“ – „Die dummen Kinder sollen gefälligst anständig sprechen.“ Einen nicht ganz so negativen Blick auf den Einfluss von Jugendsprache auf die lateinische Sprache, aber doch großes Interesse daran hegt eine Gruppe von Lateinforschenden an der Universität Bonn.

Wie der Leiter der Studie, Prof. Dr. Manuel Kuhfleck, beteuert, gibt es heute jedoch leider recht wenige Latein sprechende Jugendliche. Umso größer war seine Freude als er erfuhr, dass an unserem Gymnasium mittlerweile mehrere Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte die lateinische Jugendsprache – oder eher deutsche Jugendsprache auf Lateinisch übersetzt – pflegen. Aufgrund dieser Umstände darf sich unser Gymnasium in der einzigen deutschen Stadt mit einem lateinischen Namen bald über den Besuch der Forschungsgruppe rund um Prof. Dr. Kuhfleck freuen.

Der Gebrauch lateinischer Jugendsprache geht auf das Lehrerzimmer zurück, wo ein „Pausentisch zum Spaß während des Notenwürfelns Ausdrücke, die wir im Unterricht von unseren Schülern aufgeschnappt haben, auf Lateinisch übersetzt“, berichtet Klaus Erf, alteingesessene Stütze und Seele der Lateinfachschaft und mit dem Titel „vir honestus“ (v.h., Ehrenmann) und leider nunmehr im Ruhestand, ausgezeichnet. Während alle möglichen Lehrkräfte die absurdesten Aussagen mitbrachten, nimmt die Übersetzung meist er vor. Aus seiner Feder stammen auch Phrasen wie „Was geht, Alter?“ (lat.: „Quid it veterane?“) oder „Diggah“ (lat.: „Crassus“, von einigen Schüler*innen gerne auch als „Fettsack“ übersetzt).

Dass diese Wörter und Sätze an die Schüler kamen, nimmt Jan Voß jedoch auf seine Kappe. Eines Tages erzählte er den Schülerinnen und Schülern seines Q2-Englisch Kurses von der lateinischen Jugendsprache. Einige von ihnen, besonders Benjamin Brinkmann und Oscar de Vink, nutzten ihre Chance sofort, ihren Lehrer „Alter“ oder „Fettsack“ zu nennen. Die schon durch den ersten Latein Leistungskurs unserer Schulgeschichte vorbelastete Stufe trug dies schon bald weiter an andere Stufen und die lateinische Jugendsprache verbreitete sich schnell durch die ganze Schule. „Ich war sehr verwirrt als mich plötzlich meine Fünfer im Musik-Unterricht mit Veterane und Crassus ansprachen“, berichtet Voß.

„Doch auch ich witterte meine Chance, indem ich bei der Rückgabe schriftlicher Übungen konterte: ‚Deperitis, caprarum mulgatores?‘, was wörtlich übersetzt in etwa ‚Geht ihr verloren, der Ziegen Melker?‘, oder schlicht ‚Seid ihr lost, ihr Lelleks?‘, heißt.“ Den Gebrauch der lateinischen Jugendsprache auf Beleidigungen zu reduzieren liege ihm aber fern. So mahne er in Pausenaufsichten das selten auftretende Fehlverhalten von Schüler*innen mit einem freundschaftlich-bestimmten „Quiesce semel, amice!“ („Chill ma, Habibi!“) oder lobe besonders gutes Verhalten mit einem empathischen „Ocula tua basio. Iuro, crasse!“, was übersetzt etwa „Ich küsse deine Augen. Ich schwöre, Diggah!“ bedeutet, oder mit einem schlichten und herzlichen „Leta!“ (wörtlich „Töte!“, also „Slay!“).

Dieses verwunderliche Phänomen machte bald die Runde und erreichte über unsere Lehrkraft Dr. Daniel Smutek, welcher es seinem alten Studienkollegen Prof. Dr. Samuel Kuhfleck berichtete, die Universität Bonn. Die höchst erfreuten Forscher setzten sich sofort mit unserer Schulleitung in Verbindung und beschlossen eine Kooperation zur Durchführung dieser Studie. Sie soll in mehreren Jahrgängen untersuchen, inwiefern die deutsche Sprache das Bilden einer eigenständigen, lateinischen Jugendsprache begünstigt und damit das Konstrukt der Sprache selbst beeinflusst.

Andererseits zeigt sich auch die Soziologie stark interessiert, da sprachliche Interaktion die soziale Interaktion nicht nur spiegelt, sondern auch formt: „Traditionell überwiegt in der Jugendsprache eine abgrenzende Funktion. Das heißt, anderen Kulturen oder älteren Generationen, wird ein schwer zugänglicher oder nur schwer akzeptabler Sprachcode serviert, der ein semantisches Verfolgen stark verlangsamt oder gar unmöglich macht.“, so Kuhfleck. „Latein, vormals die Lingua Franca (verbindende Sprache), spielt hier ihre Stärke aus, indem sie aus dem anfänglichen allgemeinen Unverständnis eine intergenerationale, interkulturelle, meist humorvolle Basis bereitstellt.“ So wird also auch erforscht, wie sich der vermehrte Gebrauch Lateins im Alltag auf die sozialen Interaktionen der unterschiedlichen Gruppen auswirkt.

Die konkrete Umsetzung des Projekts bringt einige Veränderungen mit sich. Dazu soll in den jeweiligen Kursen während der Untersuchungsphase nur noch Latein gesprochen werden. Vor allem das spontane Improvisieren, was dadurch gefordert werde, sei für die Forscher sehr interessant. Um die nötigen Grundlagen zu schaffen soll der Lateinunterricht in den Jahrgängen fünf und sechs sechsstündig eingeführt und ab Jahrgang sieben verdoppelt werden.

Forscherin Lenny Reubert freut sich bereits sehr auf die Kooperation: „Auf eine solche Chance haben wir bereits seit Jahren gewartet!“ Klaus Erf, v.h., überrascht es dabei kaum, dass sich diese Chance an unserem Gymnasium bietet: „Is’ ja klar, ne? Porta Westafrika ist, was das angeht, eine Welthauptstadt.“ So erklärt sich der sich eigentlich schon länger in Pension befindliche Lehrer auch bereit noch einige Jahre länger zu machen, um die Studie zu unterstützen. Aber auch Kollegium und Schülerschaft im Allgemeinen freuen sich nicht nur auf diese einmalige Chance, sondern auch finanziell ist das Projekt attraktiv. Da die von der DFG bereitgestellte Fördersumme nicht ausgeschöpft wird, entflammen bereits Diskussionen um die Verwendung der Mittel: es können nun endlich der Kunstrasenplatz maulwurfsicher oder die Seilbahn zwischen Kaiser-Wilhelm-Denkmal und Raum 411 realisiert werden. (Unsere Schulwebsite berichtete in den vergangenen Jahren jeweils am 1. April.)

Text: Oscar de Vink, Benjamin Brinkmann, Jan Voß